„Ich bin eine Lilie“

„Flower Tales“ von Peter Paul Althaus 

Ich bin eine Lilie;
ich bin verwandt
mit der Heiligen Cäcilie,
der Schutzpatronin der Orgeln, der Geiger, der Cymbalisten;
man gibt mich auf Bildern Engeln in die Hand.
Als neulich auf der Kirchenmauer zwei Tauben sich küßten,
überkam mich ein wundersam-irdisch’ Gelüsten...
... und ich glaube,
daß auch eine Lilie und eine Taube
sich lieben könnten oder gar müßten,
wenn sie mehr voneinander wüßten.
Aber als Symbol der Jungfräulichkeit habe ich Pflichten
und muß auf vieles, was andere dürfen, verzichten.
 

Die „Flower Tales“-Gedichte von Peter Paul Althaus (1892 – 1965) sind verspielte Gedichte voll skurrilen Humors, die Blumen sprechen lassen und von überraschenden Pointen und Wortspielen leben. Althaus, ein deutscher Schriftsteller und Kabarettist, ist besonders bekannt für seine Traumstadtgedichte und kann ruhig  in einem Atemzug mit Christian Morgenstern und Joachim Ringelnatz erwähnt werden!
 

Ich bin ein Flieder;
ich verwelke im Mieder
eines bayrischen Dirndls
(eines Garmisch-Partenkirchener Ki(r)ndls)
nach einer Trachtenschau mit Gesang und Tanz.
Ich bin auch nicht mehr ganz.
Ich rieche nach Veilchen, obwohl ich ein Flieder bin;
eigentlich ist das ein Widersinn:
nach Veilchen zu riechen und ein Flieder zu sein – – –
aber das Dirndl hatte sich mit Veilchenodör
zwecks Betördes Buam, des zünftigen
(ihres Zukünftigen),sehr ausgiebig parfümiert.
Und da habe ich vor dem Ungestüm
des Buam und vor dem Veilchenparfüm
abends um kurz nach neun kapituliert.
  

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